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„Nicht alles, was zappelt, ist ADHS“
10.07.11 18:22:00 Uhr

Von: NNA-Korrespondentin Edith Willer–Kurtz




Tagung der Alanus-Hochschule und des IPSUM-Instituts befasste sich mit den sog. schwierigen Kindern - Veränderte Bedingungen ängstigen und lähmen die Eltern.


ALFTER (NNA). Kindern eine positive Entwicklung zu ermöglichen, wird
zunehmend schwieriger für die Eltern unserer Zeit. Bereiten die Kinder dann
Probleme, werden sie schnell als pathologisch abgestempelt und
diskriminiert. Auf großes Interesse stieß daher die Fachtagung der Alanus
Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter zum Thema „Veränderte
Kindheit – vom Umgang mit ‚schwierigen‘ Kindern“.

Veranstalter waren das Institut für Kindheitspädagogik an der Alanus
Hochschule und IPSUM, das Institut für Pädagogik, Sinnes und Medienökologie
aus Stuttgart. 180 Teilnehmer diskutierten zum Thema, angemeldet hatten sich
wesentlich mehr.

Unterschiedliche Ansätze leiteten in die Problematik ein. Dr. Reinhard
Eichholz, ehemaliger Kinderbeauftragter der Landesregierung NRW zeigte die
einzelnen Schritte der Rechtslage zu den Menschenrechten von 1945 bis heute.
Der Mensch als Subjekt beinhalte die Anerkennung von Würde, Gleichheit und
Teilhabe (Inklusion) an der Gesellschaft. Er habe ein Recht darauf, nicht
diskriminiert zu werden. Darauf könnten sich die Kinder auch berufen. Ein
Kind dürfe von der Gemeinschaft nicht ausgeschlossen werden. Pädagogik und
Recht seien heute eher schwierig zusammenzubringen.

Prof. Dr. Rainer Patzlaff , Institutsleiter vom IPSUM, spiegelte die
gewaltige Herausforderung, vor denen die Eltern heute stehen. Sie beklagten
sich über misslaunige Kinder, und misslungene Erziehung führe zu
Gewaltpotenzialen bei Jugendlichen. Wie seien neue Verhältnisse einzuordnen,
wenn zum Beispiel das Gefühls- und Empfindungsleben sich umgestalte. Bei der
Gesundheit der Kleinkinder beseitige man zunehmend durch Impfung die
Kinderkrankheiten, an ihrer Stelle komme es zu chronischen Krankheiten,
sogar Krebserkrankungen und Fettsucht.

Die Eltern reagierten auf diese Entwicklung mit Gefühlen der Lähmung oder
Angst. Patzlaff forderte die Eltern auf, dringend gegen diesen Mainstream
der Standardisierung zu handeln, auch wenn dies oft schwer falle. Es gehe
darum, den Eltern Mut zu machen. Es komme darauf an, offen zu sein und das
eigene Gefühlsleben so zu verwandeln, dass die „Katastrophen“ nicht als
Beleidigung oder Frechheit zu sehen seien, sondern als Herausforderungen.
Dabei sei auf die Situation des Kindes zu schauen. Auch neuere
Wissenschaftsrichtungen wie die Hirnforschung und Salutogenese sollten
berücksichtigt werden. „Probleme machen auch wach“, folgerte Patzlaff. Und
es gäbe Vorbilder, denn die heutigen Kinder würden eine gesteigerte
Wahrnehmung mitbringen für seelische Nuancen, sie hätten eine besondere
Sensibilität.

Uwe Momsen erzählt aus seiner eigenen Praxis für Kinderheilkunde und Kinder-
und Jugendpsychologie in Herdecke. Wenn Kinder auffällig seien, hätte man
erstmal zu fragen, wann, in welcher Situation dies auftrete und wer es
bemerke. Es könne sich um ein schulisches oder globales Problem handeln.

Als Veränderungen im Verhältnis zu früheren Zeiten nannte er die Ernährung
mit Industriepräparaten, aber auch die Mediennutzung und die
Familienverhältnisse. Jedes dritte Kind habe nur ein Geschwister. Alles
zusammen setze ungünstige Bedingungen für die Entwicklung der Kinder. Bei
der Einschulung mache sich von Seiten des Elternhauses oft Sorge und Angst
zu früh breit, da sie dem Leistungsdruck unterlägen. Angst sei aber kein
guter Berater und die Kinder seien letztendlich die Leidtragenden.

Seelische Auffälligkeiten deuteten Eltern zu oft als ADHS. Nicht alles, was
zappelt, sei ADHS, betonte Momsen. Bei körperlicher Unruhe, Impulsivität,
fehlender Konzentration und bei übersteigerter Wachheit gelte es genau
hinzusehen in Alltagssituationen. Aufgrund der heutigen gesellschaftlichen
Entwicklung werde oft Stress gelebt. Bleiben die Symptome nach einem halben
Jahr Beobachtung unverändert, sei ADHS nicht auszuschließen. Empfehlen würde
er zunächst eine gutes Zusammenarbeiten zwischen Eltern, Pädagogen und
Kindern und Ruhezeiten. Oft wäre es nötig, erst wieder Vertrauen in die
Familienverhältnisse zu bringen.

Depression trete heute auch schon im Kindesalter auf, unangemessenes
Traurigsein bis „ich kann gar nicht mehr traurig sein“, Appetitmangel,
Schlaf- und Wachrhythmusstörungen, deutliche regressive Erscheinungen, wie
wieder einnässen, auch Wachstumsstörungen seien da zu beobachten. Schwierige
Situationen seinen Herausforderungen, es gäbe auch schwierige
Klaviersonaten, zog Momsen die Musik als Vergleich heran.

Dipl.-Sozialpädagoge Wolfgang Kohnen machte deutlich, wann ein Kind durch
dramatische Situationen an die Grenzen seiner seelischen Belastungsfähigkeit
komme. Dann lösten sie beim Kind Notfallreaktionen aus. Bedrohungen durch
physische, emotionale Vernachlässigungen, mögliche Misshandlungen oder
Gewaltanwendungen haben Langzeitwirkungen. Bei einem Trauma gelte nichts
mehr so, wie es scheint, so Kohnen. Diese Kinder sein resistent gegen
herkömmliche pädagogische Maßnahmen, sie verweigern sich völlig oder
reagierten aus heiterem Himmel mit Stimmungsschwankungen. Oft schienen sie
gefühlskalt und unerreichbar und machten die Eltern hilflos. Traumaforschung
existiere erst seit 1980. Die Entwicklung der Kinder nach Bedrohungen, ihr
Notfallmechanismus, der zu Erstarrung, Lähmung oder zu seelischer Spaltung
führe, würde weiter erforscht.

Daniel Götte, Frank Bohsung und der Landwirt Matteo Tartari berichteten in
einem Workshop aus ihrer pädagogischen Praxis in der Jugendhilfeeinrichtung
Timeout im Südwesten Deutschlands. Sie kümmern sich um Jugendliche, die
Schulverweigerer sind oder als verhaltensgestört gelten. 16 Jugendliche
finden in der Einrichtung Platz. Was bringt die Jugendlichen dazu, sich
wieder einzufügen, mitzumachen? Erstmal würde eine sichere Situation
hergestellt und sie an einen Tages- und Nachtrhythmus gewöhnt. Geduld und
Phantasie seien verlangt, um die Jugendlichen immer wieder zu ermutigen „Hab
Mut zu tun!“ Vier Monate lang gibt es keine Schule, stattdessen Handarbeit
im Stall und Arbeit mit den Tieren, die Erfolgserlebnisse vermittelt. Durch
praktisches Erleben kommen die Jugendlichen dazu, sich wieder einzulassen
auf neue Beziehungen.

Henning Köhler vom Korczak-Institut in Nürtingen schaute in die Zukunft. Der
Toleranzrahmen für altersgemäßes Verhalten würde immer enger, Kinder würden
dann im weiteren Verlauf an Ärzte und Therapeuten verschoben. Diagnosen
würden heute viel zu schnell gestellt. Die Kinder wären zunehmend
verunsichert, wobei das nicht das Problem der Kinder sei. „Das Kind kommt
mit uns nicht zurecht“, erklärte Köhler. Die geknickten Kinder bekämen das
Gefühl vermittelt, sie erfüllten die Erwartungen der Erwachsenen nicht.
Stattdessen bräuchten sie die uneingeschränkte warme Bejahung ihrer
Individualität. „Ich werde wahrgenommen, also bin ich!“ so sollte ein Satz
eines Kindes lauten, denn das Kind wolle nicht nur wahrgenommen werden unter
vielen, sondern in seiner Eigenheit und Schönheit. „Ich kommuniziere also
bin ich!“ Es wolle sprechen und Antworten bekommen. „Ich schenke, also bin
ich!“ Das Daseinsvertrauen zeige sich dem Menschen, der als Schenkender in
der Welt handle, die Geste des Schenkens erfolge aus der Existenz als
geistiges Wesen. Dies gelte für alle Kinder, uneingeschränkt, unabhängig,
welche Begabung der eine oder andere habe.

Nicht zu unterschätzen sei, was aus den Einzelnen noch alles werden könne,
stand als Ermutigung für die Teilnehmer am Ende eines Workshops. Es sei ein
gesellschaftliches Problem die Kinder zu standardisieren. „Wir verschwenden
dabei die Talente der Kinder und Jugendlichen“, wurde ermahnt. Besser sei
es, die Kreativität zu fördern. Dazu sei gesellschaftspolitisch noch viel zu
entwickeln, wolle man eine Zukunft gestalten, die heilsam auf die Kinder
wirke.

Links: www.alanus.edu, www.ipsum-institut.de

END/nna/wil

Bericht-Nr.: 110710-04DE Datum: 10. Juli 2011

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