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„Rudolf Steiner fängt erst an, aktuell zu werden.“
15.11.10 19:20:00 Uhr

Von: Edith Willer-Kurtz und Wolfgang G.Voegele




Große Auftaktveranstaltung zum Jubiläumsjahr in Dornach - Medienberichte würdigen Bereitschaft zum Dialog – Start des Ticketverkaufs zum Geburtstagszug


DORNACH (NNA). Die Aktualität des Denkens von Rudolf Steiner in der
globalisierten Welt des 21.Jahrhunderts war das zentrale Thema der großen
Auftaktveranstaltung zum Steiner-Jubiläumsjahr in der ersten Novemberwoche
am Goetheanum in Dornach. Rund 300 Besucher hörten Berichte von Vertretern
von Projekten und Initiativen der weltweiten anthroposophischen Bewegung,
die ihre Quellen in Rudolf Steiners Werk und Schaffen hat. Als Fazit kann
ein Satz aus der Darstellung von Goetheanumsvorstand Bodo von Plato gelten:
„Rudolf Steiner fängt erst an, aktuell zu werden“.

In Presseberichten über die Konferenz z.B. in der Badischen Zeitung und dem
Züricher Tagesanzeiger wurde die Bereitschaft der anthroposophischen
Bewegung zum Dialog mit der Außenwelt positiv bewertet. Dass auf dem Podium
am Goetheanum auch erfolgreiche Unternehmer (Götz Werner) und engagierte
Europapolitiker (Gerald Häfner) ihren Platz gefunden hätten, dokumentiere,
dass anthroposophisches Denken nicht weltfremd sei und auch in pragmatischen
Zusammenhängen auf Interesse stoße. Unbestreitbar, so die Zeitungen, sei
Rudolf Steiner einer der einflussreichsten Reformer des 20. Jahrhunderts,
der bis heute Künstler, Unternehmer und Wissenschaftler inspiriere.

Veranstalter der Konferenz waren das Goetheanum und das Rudolf Steiner
Archiv in Dornach, die Organisation lag in den Händen der Medizinischen
Sektion und des Projektbüros „150 Jahre Steiner 2011“ in Kooperation mit dem
Presse- und Internetportal anthromedia.net.

Die internationalen Teilnehmer auf dem Eröffnungspodium begründeten, weshalb
sie Anthroposophen sind bzw. was sie Steiner verdanken. Aban Bana z.B.
berichtete als Repräsentantin anthroposophischer Kulturarbeit auf dem
indischen Subkontinent vom Boom anthroposophischer Einrichtungen in Indien
in den letzten 15 Jahren. Entstanden seien Zweige der anthroposophischen
Gesellschaft, Waldorf-Schulen, heilpädagogischen Schulen, Camphill Dörfer,
bio-dynamische Farmen, anthroposophische Medizin und Architektur sowie
verschiedene Ausbildungsstätten.

Mehr Entwicklungsmöglichkeiten durch spirituelles Menschenbild

Ute Craemer, Mitbegründerin von Monte Azul und der Alliance for Childhood in
Brasilien schilderte die Begegnungen in den Favelas ihres Landes. Sie
berichtete von Menschen, die in Not sind, existenziell und seelisch. „Jede
einzelne Seele möchte in der Welt wirken und empfindet Hindernisse“, betonte
sie. Wesentlich sei die Tatsache, dass Tätigkeiten individuell gestaltet
würden, denn ein geistiger Kern lebe in jedem Menschen. Diese Erkenntnis sei
der spezifische Beitrag der Anthroposophie. Das Gegenüber spüre diese
Haltung und fühle sich als Mensch akzeptiert. Dadurch werde Entwicklung
möglich.

In der anschließenden Aussprache wurde die Frage nach anderen Konzepten der
sozialen Arbeit gestellt. Die Antwort verwies auf das spirituelle
Menschenbild in sozialer Arbeit auf der Basis der Anthroposophie, nach dem
alle Menschen – auch Kriminelle – entwicklungsfähig seien. Hinzu komme die
Hoffnung auf Reinkarnation, die Vertrauen in eine langfristige Entwicklung
einzelner, aber auch in die von Gruppen ermögliche.

Gerald Häfner, Gründungsmitglied der „Grünen/Bündnis 90“ stellte fest, dass
in der Öffentlichkeit zwar immer noch eine Befangenheit im Umgang mit
Steiner herrsche, andererseits zeichne sich zunehmend ein wertfreier Blick
auf sein Werk ab. Zu Steiners Aktualität meinte Häfner: „Wir werden noch
sehr lange brauchen, ihn einzuholen.“ Als Mitglied des Europaparlaments
berichtete er von den Anfängen einer transnationalen Bewegung für mehr
Bürgerbeteiligung.

Bodo von Plato, Vorstandsmitglied am Goetheanum, stimmte der Äußerung des
Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, Markus Brüderlin zu, Steiner gehöre
heute längst nicht mehr den Anthroposophen allein. Andererseits enthalte
Anthroposophie, wie jedes Ideal, auch Schattenseiten, etwa wenn manche ihrer
Anhänger zum Sektierertum neigten. Es könne heute nicht mehr darum gehen,
nur eine Erfolgsstory zu erzählen. Steiners Werk könne nur lebendig werden,
wenn auch die Schattenseiten erwähnt würden.

Und obwohl sich die Menschen seit Lebzeiten Steiners vollkommen verändert
hätten, die Welt mit ganz anderen Problemen konfrontiert sei auch technisch,
hinke man dem Verständnis Steiners hinterher. Er bezeichnete Steiner mit
seinem ethischen Individualismus als „neuen Entdecker des Gewissens“.

Anthroposophie als Gegensatz zu starrem, dogmatischen Denken

Prof. Walter Kugler, Leiter des Rudolf-Steiner-Archivs, meinte in der
Diskussion, für ihn sei das Besondere der Anthroposophie von Anfang an
gewesen, dass die Individuen autonom gewesen seien, die sich engagiert und
anthroposophische Einrichtungen gegründet hätten. Dieses Verhalten stünde im
Gegensatz zum starren, dogmatischen Marxismus der meisten Aktivisten der
alten 68er Bewegung. Schon früh habe ihn die Devise Steiners fasziniert,
„nur das für wahr zu halten, wozu uns unsere eigenen Gedanken zwingen.“

Nach der Auftaktveranstaltung hatten die Teilnehmer der Konferenz dann am
Nachmittag die Möglichkeit, sich an mehr als einem Dutzend „Round Tables“
über einzelne Themenbereiche der anthroposophischen Bewegung zu informieren.
Angeboten wurden Ausstellungen, Führungen, Interviews und Filme, das
Themensprektrum reichte u.a. von Pädagogik für eine globalisierte Welt über
Salutogenese in der Medzin über Direkte Demokratie bis hin zu organischer
Architektur.

Am Round Table zu den Schlüsselfragen der Politik konnte man Gerald Häfner
beispielsweise zuhören, der über eine ökologische und soziale Steuerreform
sprach und forderte, die menschliche Arbeit möglichst wenig, die Energie
dafür mehr zu belasten. Energie verbrauchen sollte teurer sein, auch weil
sie nicht unendlich vorhanden sei.

Über die Grundbedingungen für Friedensfähigkeit und Kultur tauschten sich
Kulturschaffende aus Indien, Brasilien Ägypten aus. Die anthroposophischen
Institutionen seien offen, hätten keine Einschränkungen, zum Beispiel in
Indien, wo es zehn verschiedene Religionen gäbe. Man würdigte das Denken
Steiners als „spiritual human impulse“.„Wenn wir zusammenarbeiten, können
wir Werte schaffen“, hieß es im Gespräch. Vertrauen schaffen und Raum geben,
damit sich der Mensch entfalten könne, riet Favela-Arbeiterin Craemer gemäß
ihren eigenen Erfahrungen.

Die „Generation international“, der Round Table der Jugendsektion, warf
Fragen auf wie: Was ist in der Gegenwart wesentlich, gesellschaftlich und
menschheitlich? Was ist der Mensch? Dabei gehe es um das Bewusstsein des
Menschentums. Was ist der Geist? Es werde oft vorausgesetzt zu wissen was
Geist sei. In Osteuropa, so erfuhren die jungen Teilnehmer, sei eine große
Sehnsucht nach Anthroposophie zu erleben.

An einem anderen der Round Tables wurde über einen notwendigen
Paradigmenwechsel in der Medizin gesprochen. Um gesundheitspolitische
Probleme zu wandeln, sei ein anderes Bewusstsein der Patienten nötig,
Aufklärung könne dabei weiterhelfen. Die Komplementärmedizin müsse auch
politisch gefördert werden. Die Leiterin der medizinischen Sektion Michaela
Glöckler, die die Veranstaltung auch eröffnet hatte, erinnerte an die
Eliant-Eingabe in Brüssel, mit der die anthroposophische Medizin geschützt
werden soll und die inzwischen schon fast 1 Million Unterschriften gesammelt
habe.

Aufbruchstimmung in der Waldorfpädagogik

Am Round Table zur Pädagogik ging es u.a. um neue Trends in der
Waldorfschulbewegung. Christoph Doll, Gründungslehrer der Interkultuellen
Waldorfschule Mannheim berichtete darüber, wie das Modell, Waldorfschule in
einem sozialen Brennpunkt und mit Einbeziehung von Migrantenkindern zu
machen, erfolgreich sein kann. Die Diskussion drehte sich dann auch um die
Frage, ob die Waldorfschulen - von den Medien als das „Aushängeschild“ der
anthroposophischen Bewegung bezeichnet – eher einer allgemeinen Waldorf-Norm
folgen oder sich zunehmend individualisieren. Für die pädagogische Sektion
betonte Christof Wiechert dazu, überlieferte Formen dürften nicht mit
Inhalten gleichgesetzt werden. Henning Kullak-Ublick, Vorstandsmitglied
beim Bund der Freien Waldorfschulen konstatierte für die Waldorfschulen
gegenwärtig eine „Aufbruchstimmung“.

Der Frage, ob und wie Anthroposophie inzwischen auf Hochschulebene etabliert
ist, gingen Konrad Schily, Gründer der privaten Universität Witten-Herdecke
und Prof. Marcelo da Veiga, Rektor der Alanus-Hochschule nach, sie
diskutierten an ihren Round Tables über die Wettbewerbsfähigkeit
anthroposophischer Hochschulen in der akademischen Landschaft. Aufgrund
seiner Erfahrungen als Alanus-Rektor plädierte da Veiga für Hochschulen als
Orte der Ideenkonkurrenz. Waldorfpädagogik werde in Kontrast zu anderen
Ansätzen diskutiert und damit in einem offenen Denkraum .„Wenn an Steiner
was dran ist, darf man ihn nicht ins Gewächshaus stellen“, betonte da Veiga.


Schließlich gab es bei den Round Tables in Dornach auch Informationen zum
„Rudolf Steiner Express“ aus erster Hand, dem Sonderzug, der im
Jubiläumsjahr zu Steiners Wohn- und Wirkstätten fahren soll. Prof.
Karl-Dieter Bodack, der für die Logistik zuständige ehemalige Bahnmanager,
erläuterte den Plan. Danach geht die Geburtstagsfahrt vom 24. bis 28.
Februar von Köln über Stuttgart, München, Salzburg und Wien nach Kraljevec.
„Die Passagiere werden in dem außergewöhnlichen Interieur des Zuges beste
Voraussetzungen finden, um miteinander ins Gespräch zu kommen, Reisenotizen
zu verfassen und gemeinsam oder individuell Steiners Biographie zu
´erfahren`“, betonte Bodack. An den Haltebahnhöfen von Steiners Kindheit und
Jugendtagen sind vielfältige Veranstaltungen geplant, so Organisatorin Vera
Koppehel. Voraussetzung für die Fahrt des Zuges ist der Verkauf von genügend
Fahrkarten, die bereits jetzt über das Internet gebucht werden können.

END/nna/wil/vog/ung

Link: www.rudolf-steiner-2011.com

Bericht-Nr.: 101115-02DE Datum: 15. November 2010

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