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Der erste Theater-Abitur-Kurs an einer Waldorfschule
21.06.10 15:42:00 Uhr

Von: Wilfried Kessler, Waldorfschule Ulm I




Im Jahre 2004 erschien der neue Bildungsplan Baden-Württembergs unter dem Motto „Bildung stärkt den Menschen“. Er baut auf dem Gedanken auf, dass heute statt reinem Faktenwissen fächerübergreifende Kompetenzen gefragt sind. So wurde folgerichtig im Jahre 2007 das neue Wahlfach „Literatur und Theater“als zweijähriger Kurs in Klasse 12 und 13 eingeführt. Dieser Kurs kann von Lehrkräften unterrichtet werden, welche über eine angemessene theaterpädagogische Kompetenz verfügen, d.h. eine Aus- und Weiterbildung mit curricularem Charakter in diesem Bereich absolviert haben.


Nach der Zustimmung der verantwortlichen Schulgremien das Fach Literatur und
Theater als Abiturfach anzubieten, ist ein formloser Antrag auf Teilnahme am
Schulversuch „Literatur und Theater“ zu senden Die Waldorfschule Ulm nimmt seit
dem Schuljahr 2008/09 an dem Schulversuch teil. Der Kurs wurde genehmigt und im Rahmen der Abiturprüfung als Hospitationsfach angerechnet. Das erste Jahr dient der Grundlagenarbeit und im zweiten Jahr ist auf dieser Grundlage eine öffentliche Präsentation zu erarbeiten und durchzuführen.

Theater und Persönlichkeit
Der Beitrag des Schwerpunkts Theater besteht in einem ganzheitlichen Zugang zur Welt. Im Theaterspiel wird erlebte und imaginierte Wirklichkeit nachgestaltet, vorweggenommen und neue Wirklichkeit entworfen. Die Verbindung von Wahrnehmen, Erfahren, Gestalten und Reflektieren leistet einen wesentlichen Beitrag dazu, dass Schülerinnen und Schüler ein eigenes Verhältnis zur Welt entwickeln und die Weltsicht anderer erfahren und verstehen können. Theater wirkt insofern in besonderer Weise persönlichkeitsbildend. Kreativität und Fantasie werden durch theatrale Gestaltungsmöglichkeiten angeregt und entwickelt. Auftreten, Körperausdruck, Selbstbewusstsein und die Fähigkeit zu Kommunikation und Empathie werden geschult.

Theater: ein dauernder Lernprozess
Die Theaterarbeiten in den Klassen 8 und 12 sind besondere Ereignisse an einer
Waldorfschule. Aber was ist mit dem dramatischen Element in der dazwischenliegenden Zeit und dann im Abiturjahrgang? Ausgehend von dieser Fragestellung wurde die langjährige Theater-AG-Arbeit dahingehend verändert, dass das Fach Theater durch die ganze Oberstufenzeit angeboten wurde. So war die Freude für den Erprobungsjahrgang in diesem Forum der Freien Waldorfschulen
in Baden-Württemberg Schuljahr groß, dass dieses Fach nun auch als Abitur-Prüfungsfach stattfinden sollte. 18 Schülerinnen und Schüler aus beiden Ulmer
Waldorfschulen nahmen an diesem Kurs teil.

Das erste Vorbereitungsjahr diente der Grundlagenarbeit. Besondere Schwerpunkte
waren die Umsetzung von Liebeslyrik und Prosatexten in dramatische Szenen. Hinzu kam die praktische Auseinandersetzung mit einzelnen Theatertheorien von Brecht und Stanislawski, dem griechischen Theater, dem Absurden Theater und der Commedia dell’arte. Darauf aufbauend wurde im zweiten Jahr die Präsentation „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Öden van Horvath erarbeitet und mit zwei Szenen des Absurden Theaters aus „Warten auf Godot“Samuel Beckett und einer Grabrede von Carl Zuckmayer über Öden van Horvath verknüpft.

Evaluation von Außen
Das schriftliche Resumé der Prüfungskollegin lautete: „Die Anforderungen des Faches
‚Literatur und Theater’sind in beeindruckender Weise eingelöst worden. Dies zeigte
insbesondere die Abschlusspräsentation und –reflexion der Schüler.“ Die 18 Schülerinnen und Schüler erreichten einen Durchschnitt von 12 Punkten. Während dieser zwei Jahre führte jeder Schüler eine Theater-Werkstattmappe. Auch wurden mehr als 10 Theaterstücke im Ulmer Theater besucht, welche einen guten Querschnitt durch die Theatergeschichte vermittelten.

Der nächste Theater-Abitur-Kurs mit ebenfalls 18 Schüler/innen ist schon im Gange. Bei der nachfolgenden Klasse zeichnet sich schon bald ab, dass dieser Kurs von den Schülern auch in Zukunft gerne angenommen wird.

Schülerstimmen
„Zu Anfang der 12. Klasse konnte man bei vielen Kursteilnehmern noch eine gewisse Scheu spüren, sollten sie in die Mitte treten, plötzlich vor Freude in die Luft springen, gewisse Improvisationsübungen ausüben- mir ging es ähnlich. Auch wenn man die Menschen um sich herum schon mehr als ein Jahrzehnt kannte, so war doch noch eine gewisse Hemmschwelle vorhanden. Sicher, man kannte sich von der Theaterarbeit der letzten Jahre, wusste über die Fähigkeiten jedes einzelnen schon recht gut bescheid, doch dieses Arbeiten erforderte noch mal eine ganz neue Art von Mut.“

„Es ist uns trotz aller Höhen und Tiefen, die während des Probenprozesses und der anderen Vorbereitungen für die Aufführung entstanden sind, gut gelungen, ein reifes Werk auf die Bühne zu stellen. Besonders die Tiefen gehören dazu, aus denen wir meist gestärkt und trotz jeglicher Auseinandersetzung lernend hervorgehen, denn nur aus dem wirklich ausgetragenen Konflikt kann der Mensch lernen und sich so verbessern.“

„Theater ist für mich ein wunderbarer Ausgleich für alles, sei es der Alltagsstress, Schulstress oder das Gefühlschaos in mir selbst! Durch das Einschlüpfen in eine Rolle oder das Durchführen von Übungen fühle ich mich befreit und lebe in diesem Moment in einer anderen Welt. Ja, manchmal ist es eine Hürde, die man überwinden muss, um in diese Welt eindringen zu können. Doch wenn ich einmal in die Welt des Theaters
eingedrungen bin, fühle ich mich wohl und geborgen. Das Aufführen von  Theaterstücken auf der Bühne hat mir jedes Mal ein Stück mehr Mut geschenkt.“

„Die Kunst des Schauspielers besteht für mich darin, die eigene Person zu kennen und Teile dieser Person herauszuarbeiten, um dann damit eine neue Figur bilden zu können. Nur was auch in uns ist, können wir auch nach außen tragen. Die Kunst ist, diese Quellen zu nutzen und nicht, eingeübte Verhaltensmuster anzuwenden.“

„Rückblickend kann ich sagen, dass mir der Kurs sehr viel Spaß gemacht hat und er
zusätzlich ein guter Ausgleich für die anderen Abiturfächer war. Die Theaterarbeit werde ich nach der Schule bestimmt vermissen.“








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