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Segeln in der Schule

Das Segeln bietet außergewöhnliche Möglichkeiten der Förderung von Kindern und Jugendlichen. Das Schiff stellt eine kleine Welt für sich dar und befindet sich zwischen der vertrauten Welt des Festen und der beweglichen Weite des Wasserspiegels. Es tritt dem Kind als Möglichkeit entgegen, Vertrautes zu verlassen und Neues zu entdecken und zu erkunden.

Eine besondere Bedeutung kommt den historischen Schiffen zu, denn sie haben oft eine durchschaubare und von mehreren Mitseglern beherrschbare Mechanik. Das Alter des Schiffes erweckt Vertrauen in dessen Tauglichkeit bei Wind und Wetter; das Material hat seine Lebendigkeit behalten und Bedarf einer andauernden Pflege und Wartung. Im offenen Schiff fühlen sich die Kinder geborgen, sind aber dennoch der Witterung ausgesetzt. Das Eingebundensein in die Natur mit den Gezeiten, dem Wind und Wetter, die Gegebenheiten des Materials und die Begrenztheit des Schiffes sowie das Angewiesensein auf die gegenseitige Hilfe schaffen im Erleben des jungen Menschen eine Verbindlichkeit wie man sie im Alltag nicht mehr häufig antrifft.

Diese Verbindlichkeit erwächst aus der selbstverständlichen Verrichtung von Tätigkeiten, die die Umstände und das Ziel erfordern und lässt im Kind das Gefühl keimen, in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein und an ihr einen „wichtigen" Anteil zu haben.

Segeln bedeutet auch hinschauen, lauschen, beobachten, Regelmäßigkeiten erkennen, Gesetzmäßigkeiten ableiten und planvolles Handeln erüben. Für die kleinen Kinder ist die „Zusammenarbeit" mit dem „Kapitän" ein Verhältnis selbstverständlicher Autorität und Nachfolge, die nicht durch Ansprüche sondern aus der gemeinsamen Sache, ein Schiff zu bewegen, erwächst und sich durch gemeinsame „Abenteuer" immer wieder erneuert und bestätigt.

Dem Heranwachsenden begegnen die Naturkräfte als Gegebenheiten, denen er sich kundig und einfühlsam stellen kann. Sie geben die Möglichkeit des Vorwärtskommens, wollen aber auch nicht vollständig beherrscht sein. Diese Erfahrung bietet einerseits ein Gefühl der Daseinssicherheit andererseits stellt sie auch den Raum für Freiheits- und Grenzerfahrungen dar, die der junge Mensch sucht.

Das Segeln im Förderbereich der Freien Waldorfschule Flensburg

Für den Kleinklassenbereich der Schule kommt dem Segeln eine besondere Bedeutung zu. Flensburg ist eine Hafenstadt und hat eine traditionsreiche Seglervergangenheit. Als am Rande der Förde gelegene Kaufmannstadt gingen von hier Jahrhunderte lang Handelsschiffe über die Ostsee in alle Weltmeere. Besonders der Rum und der Bedarf an Zuckerrohr aus Jamaika sind stadtgeschichtlich hervorzuheben und prägten das Leben der Menschen. In diesem Zusammenhang finden wir zum Thema „Segeln" nicht nur die praktischen Vorrausetzungen durch die geographische Lage Flensburgs sondern auch eine Fülle von Lernstoff und handwerklichen Tätigkeiten im Zusammenhang damit.

Die Flensburger Waldorfschule hat die erfreuliche Möglichkeit mit 2 Schiffen des Vereins „Minna Roeder e.V." zu segeln. Schiffsführer, die ehrenamtlich tätig sind und ein Mitglied des Lehrerkollegiums gestalten in Zusammenarbeit mit den Förderlehrerinnen verschiedene Projekte:

In der ersten Klasse steht das Sichvertrautmachen mit den örtlichen Gegebenheiten (dem Liegeplatz der Schiffe im Lüttfischerhafen) und dem Schiff selber sowie das „Leben" an der Wasserkante im Mittelpunkt. Die Kinder bewegen sich auf dem Steg, sie haben eine Fülle von Sinneserfahrungen beim Erkunden des Hafenbeckens vom Steg aus, das
Angeln und Keschern, Wasserholen und das Erforschen und Beobachten des Grundes, indem sie bäuchlings auf dem Bootssteg liegen. Sie lernen eine Schwimmweste richtig (nach Gewicht) auszuwählen und anzulegen.

Eine wichtige Erfahrung ist der erste Schritt an Bord, das Lösen vom festen Holz auf das schwankende Schiff zu, das Haltsuchen der Hände, der Füße, der mutige Schritt... eine Herausforderung für die basalen Sinne, besonders den Gleichgewichtssinn und den Bewegungssinn. Die sich ständig verändernde Situation des Grundes stimuliert das vestibuläre System, der Einsatz von Kraft und Einfühlungsvermögen fördert die Impulskontrolle. Die verschiedenen Materialien und der häufige Kontakt mit den „Grenzen" des Schiffes vermitteln vielfältige Tastsinn-Reize.

Das sich Auskennen an Bord des Schiffes, die zunehmende Sicherheit, die ausgiebigen Arbeiten und Handgriffe (Lenzen, Festmachen, Losmachen, Zureichen, Knoten, Holen, Verstauen) bis es „losgeht", der Rhythmus von Arbeit und „Genuss" stärken den Lebenssinn. Damit die Förderung optimal wirksam werden kann erscheint in diesem Alter ein häufiges Wiederholen kleiner Einheiten sinnvoll (z.B. 1 x wöchentlich 2-3 Stunden) im Zeitraum von Mai bis Ende der Segelsaison (Sommerferien).

In der zweiten Klasse wird das Konzept in ähnlicher Weise umgesetzt. Die Kinder kennen sich nun schon gut in der neuen Umgebung aus. Sie können bereits einige Aufgaben übernehmen und halten sich an einige unabdingbare Regeln sicher. Sie helfen beim Pullen im Hafenbecken, auch beim Belegen und Anschlagen der Segel. Es können kleinere Runden im Hafen gedreht und erste Manöver mit Hilfe der Kinder gemacht werden. Der Schwerpunkt liegt auf der Stärkung der basalen Sinne. Das soziale Gefüge der Klasse wird an Bord auf die Probe gestellt, Rücksicht und Zusammenarbeit werden geübt. Aufgeweckte Kinder übernehmen schon gerne einmal die Ruderpinne und erleben den Druck des Wassers gegen das Blatt. Viele Kinder erleben ihr eigenes Gewicht sinnvoll beim Trimmen einsetzen zu können, eine gute Schulung des Eigenbewegungs- und des Gleichgewichtssinnes.

In der dritten Klasse bietet die Handwerkerepoche viele Anknüpfungspunkte sich mit dem Schulschiff zu befassen. Die Holzteile des Schiffes können gereinigt, geschliffen, lackiert oder ausgebessert werden, der Schiffsbauer, der Segelmacher besucht werden. Viele Handwerker haben an dem Schiff mitgearbeitet, z.B. sind die Metallteile vom Schmied hergestellt worden. Die Schiffe können im Winterlager besucht werden und so der Bezug zum Segeln lebendig gehalten werden.
 
Das praktische Segeln beschränkt sich in dieser Klasse eher auf einige wenige Törns, weil das Schuljahr ohnehin viele Ausflüge durch die Landbau- und die Handwerksepochen beinhaltet.

In der vierten Klasse findet sich im Lehrplan der Waldorfschule der Bezug zur nordischen Mythologie. Ein zentrales Thema sind in den verschiedenen Fächern die Überkreuzungen, so werden im Formenzeichnen z. B. die keltischen Flechtbänder erarbeitet. Für das Segeln spiegelt sich diese Thema in den Knoten wieder. Es bietet sich, an mit den 4.-Klässlern verschiedene Knoten einzuüben und anzuwenden. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Heimatkunde. Ein Ausflug mit dem Segelschiff bietet die Möglichkeit die „Heimat" von See aus zu betrachten. Auch werden die ersten Landkarten gezeichnet und die „Vogelperspektive" zum ersten Mal eingenommen. Die Mastspitze bildet eine der Vogelperspektive schon recht nahe kommende Aussicht. Also sollten vielleicht die Mutigen es bis dort oben schaffen?!

In der fünften Klasse sind die Schüler in der Lage sich auch begrifflich mit der „Seemannschaft" zu befassen. Sie lernen die Fachausdrücke und schreiben sie z. B. in einem Segeltagebuch auf. An Bord des Schiffes sprechen sie jetzt selbstverständlich in der Seglersprache. Sie sind bei kleinen Törns in der Lage auf Kommandos zu hören und diese umzusetzen. Sie erleben, dass es auf Geistesgegenwart und Konzentration ankommt, wenn ein Manöver gelingen und das Schiff zum Ziel gelangen soll. Gefördert wird die Sprachkompetenz sowie  die oberen Sinne: Schauen, Hinhören, den Anderen verstehen.

In der sechsten Klasse kommen Wetterkunde und Gesteinskunde hinzu. Diese können z.B. in einer Epoche im Klassenraum, die der Segel- Lehrer mitgestaltet, einfließen. Am Strand der Ostsee finden sich mannigfaltige Gesteinsarten, die vor Ort studiert werden können. Wetterbetrachtungen und das Dokumentieren von Temperatur und Niederschlägen verhelfen den Kindern zu genauen und getreulichen Beobachtungen und Regelmäßigkeit. Das eigentliche Segelnlernen z.B. im Opti fällt in diese Zeit, z.B. auf einem Schuljahresabschlusstörn in die Umgebung. In die Altersgruppe der 5. und 6. Klassier fällt auch die Entdeckung besonderer Freude am Kräftemessen und Wettkampf. (Es findet z. B. in der Griechenlandepoche eine „Olympiade" statt). Ein Ruderwettrennen oder die Teilnahme an einer Regatta fördern Leistungsbereitschaft und Übwillen.

In der siebten und achten Klasse sollte sich das Segeln als ein „Spezial" Gebiet einzelner Schüler oder Schülergruppen etablieren. Es wird nicht mehr klassenweise gesegelt sondern es werden Angebote für interessierte Schüler/Innen gemacht, die sich schon Kenntnisse und Fähigkeiten angeeignet haben. Denkbar wäre auch die „Entsendung" eines besonders befähigten Schülers zur Begleitung des Gruppensegelns der Erst- oder Zweit-Klässler.
 
Ziel ist es dem Jugendlichen mit dem Segeln einen Erlebnisbereich zu erschließen, der ihm auch nach der Schulzeit Freude, Anregungen und Herausforderungen bringt.

Perspektiven für die Werkoberstufe
In Zukunft lässt sich das Segeln auch in die Werkoberstufe ausdehnen. Segelprojekte und die Mitarbeit der Pflege und Instandsetzung entsprechen in vielerlei Hinsicht dem Konzept der Werkoberstufe. Der Unterricht ist Inhaltlich neben den ästhetischen Aspekten des Bootsbaues stark durch „handfeste" handwerkliche Tätigkeiten geprägt. Solche Inhalte ermöglichen es dem Schüler Fertigkeiten zu erlangen, die ihn z.B. auf die Aufnahme handwerklicher Berufe vorbereiten Der Aspekt des „Schaffens für den Mitmenschen" ist berücksichtigt, da es ja um den Unterhalt der Schiffe und damit der Voraussetzungen für die gesamten Segelaktivitäten ginge.

Leicht ließen sich innerhalb solcher Aktivitäten durch die Schüler in großer Selbstständigkeit Einzelprojekte durchführen. (Kleine Reparaturen, Bau von Riemen, etc.) Eine Ausdehnung des Werkunterrichtes auf 4 oder 6 Wochenstunden entsprechend des Werkoberstufenkonzeptes würde die Durchführung von Werkprojekten in Zusammenhang mit den Segelbooten im Schulunterricht praktisch möglich und durchführbar machen.

Im Bereich der Instandhaltung und Reparatur der Boote und der Ausrüstung ist eine große Vielfalt praktisch- handwerklicher aber auch planerischer Tätigkeiten gegeben, die in der kleinen Lerngruppe eine breite Differenzierung ermöglicht und so eine Förderung der höchst unterschiedlich vorgebildeten und begabten Schüler realisieren hilft.

Auf dem Gebiet der Segelaktivitäten kann ein Ziel sein, die Schüler als Gruppe, angeleitet durch einen „Schülerskipper" zunächst unter Aufsicht eines Erwachsenen zum selbstständigen Führer des Bootes zu befähigen. Im fortgeschrittenen Stadium dieser Entwicklung ließe das z.B. auch die Möglichkeit zu, ältere Schüler mit jüngeren gemeinsam segeln zu lassen. Somit würde sich auch für die jüngeren eine klar sichtbare Zielperspektive ergeben, auf die sie hinarbeiten können. (Vorbildfunktion) Der Start eines solchen Projektes würde mit der Klasse 9a nahe liegen, da sie bereits Erfahrungen mit der Segelei auf der Minna gesammelt hat.

Britta Schmidt und Malte Pontoppidan